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Ausstellung

Anatoli L. Kaplan: Graphik und farbige Arbeiten auf Papier – Ausstellung in Berlin

Anatoli L. Kaplan: Graphik und farbige Arbeiten auf Papier
Anatoli Lwowitsch Kaplan
Graphik und Zeichnungen auf Papier

Als Tanchum ben Lewi-Jizchok Kaplan im Jahre 1902 im weißrussischen Rogatschow geboren wurde, sollte er bereits der letzten Generation angehören, die das altjüdische Leben aus eigenem Erleben schildern konnte. Als zweiter Sohn einer jüdischen Handwerkerfamilie, wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit sieben Jahren besuchte er den Cheder - die jüdische Elementarschule, lerne Hebräisch und studierte den Talmud. Bereits in dieser Zeit zeigten sich auch schon seine künstlerischen Neigungen. Sein Berufsziel, Zeichenlehrer zu werden, erreichte er bereits an der Neulehrerschule in Charkow, noch bevor er richtig ausgebildet war. Bis 1921 übte er diesen Beruf in seiner Heimatstadt auch aus. Die Oktoberrevolution brachte für den angehenden Künstler große Veränderungen: 1922 wurde Anatoli Kaplan, wie er sich jetzt nannte, an die Akademie der Künste in Petrograd berufen. Dort tobten zu dieser Zeit heftige Kämpfe und Diskussionen über neue Kunstrichtungen. Theorien wurden gestürzt, neue hervorgebracht. Aber keine dieser Kunstströmungen übten nachhaltigen Einfluß auf ihn aus. Sein Kunstverständnis wurzelte in der volkstümlichen Tradition seiner Kindheit. Keinesfalls war er gewillt, sich von seiner etwas naiven, beinahe kindlichen Weltsicht zu trennen. So kam es nicht von ungefähr, daß sich Kaplan in den 30er Jahren einer losen Gruppe von Malern und Lithographen anschloß, die das Leben in der von Stalin im äußersten Osten Rußlands geschaffenen „Atonomen jüdischen Republik“ thematisierte. Im Jahre 1937 entstehen die ersten Lithographien Kaplans, als „Kassrilowka“; im Nachhinein zur Folge zusammengefaßt. Damit hatte Anatoli Kaplan bereits früh das beherrschende Thema seiner Kunst gefunden und in „Kassrilowka“ Ausdruck verliehen: die Liebe zur Heimat und zu den Menschen, die in ihr lebten! Beispielhaft für diese frühe Phase können wir auf unserer Ausstellung die Lithographie „Regensturm“ aus dem Jahre 1939 präsentieren. Unterbrochen wurde diese Arbeit von der Belagerung Leningrads im zweiten Weltkrieg. Kaplan, 1941 in den Ural evakuiert, kehrt 1944 in die zerstörte Stadt zurück und beginnt sogleich mit der Arbeit an der Folge „Leningrad“, die den Wiederaufbau der Stadt zum Thema hat. Die auf unserer Ausstellung zu sehende Lithographie „Erster Schnee (Marsfeld)“ aus dem Jahre 1944 ist nur ein Beispiel dafür.

Zunehmend wichtiger wird für Anatoli Kaplan der Bezug zur jüdischen Literatur. Denn die Welt der Schriftsteller Scholem Alejchem, Mendele Mojcher Sforim und Izchok Lejb Perez ist auch seine Welt. Beschreiben diese doch die ehrwürdigen Bräuche, die Lebens- und Gedankenwelt des russischen Judentums mit all ihrem Geheimnis, ihrer Schwermut, Warmherzigkeit, Weisheit und Würde, mit der sich auch Anatoli Kaplan identifizierte. Ab Beginn der 1960er Jahre entstehen die großen Lithographiezyklen unter anderem zu Scholem Alejchems „Tewje, der Milchmann“ und „Stempenju“ sowie zu Mendele Moicher Sforims „Fischke, der Lahme“. Dazu schreibt der Verfasser des Werkverzeichnisses „A.K. Das zeichnerische Werk“, Juri Kusnezow: „(Alle Arbeiten) charakterisiert ein stärkeres Abgehen von der literarischen Vorlage und das Streben, nicht nur dem Text adäquate Illustrationen zu schaffen, sondern selbständige Werke, die an Tiefe des Inhalts häufig den Text übertreffen, an Breite dessen Rahmen sprengen und deren emotionaler Gehalt stets größer ist, als die den Künstler inspirierende Prosa vorgibt“. Ab 1973 beginnt er mit dem Radierzyklus „Erinnerung an Rogatschow“ und setzt so nicht nur seinem Geburtsort, sondern auch einer beinahe untergegangenen jüdischen Kultur in Rußland ein einmaliges Denkmal. Juri Kusnezow: „Man kann Kaplan als den einzigen der ‘Entdecker’ dieser (jüdischen) Welt bezeichnen, der ihrem Wesen mit den Mitteln der realistischen Kunst Ausdruck zu geben suchte. Seine beiden Landsleute, Marc Chagall und Chaim Soutine, die zwei Jahrzehnte vorher Freuden und Leiden jenes für den westeuropäischen Betrachter exotisch wirkenden Lebens in den ostjüdischen Ansiedlungen gezeigt hatten, erhoben sich bald über die Wirklichkeit und begannen, es subjektiv zu mystifizieren, es voll Phantastik und Visionen oder rein expressiv zu schildern. Kaplan bleibt immer auf dem Boden der Realität. Auch seine Figuren können auf dem Dach sitzen - das ist das Äußerste, was er ihnen gestattet - aber sie stehen niemals auf dem Kopf, fliegen nicht durch die Luft ... Immer stehen sie mit beiden Beinen fest auf der Erde, lieben, träumen, leiden völlig irdisch“. Als Anatoli Kaplan am 3. Juli 1980 siebenundsiebzigjährig in Leningrad stirbt, ist er längst einer der wichtigsten russisch-jüdischen Künstler. Die letzte repräsentative Schau mit Arbeiten Kaplans richtete das „Russische Museum“ in St. Petersburg im Jahre 2007 aus. Auch wir hoffen, mit unserer kleinen Ausstellung, die ausgewählte Arbeiten Kaplans aus beinahe jeder Schaffensperiode zeigt, einen bescheidenen Beitrag zum Andenken an diesen großen Künstler zu leisten. Ilja Ehrenburg: „Er erläutert nicht, er ist Schöpfer seiner Bilder, die geboren werden aus der Poesie seiner Lieblingsbücher und aus den visuellen Eindrücken seiner Umwelt. Ich kenne seine Lithographien ... Sie sind traurig und poesievoll, in ihnen vereint sich die Liebe der Jugend mit der Weisheit des Alters.

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